Optimierung des Net Working Capital in der chemischen Industrie
[24.07.2003]
In der Chemieindustrie, die - verglichen mit anderen Branchen - auch in
jüngerer Vergangenheit durch vergleichsweise hohe Margen und
erfolgreiche Jahresabschlüsse glänzen konnte, wächst der Kostendruck
deutlich an. Neben den eher strategischen Maßnahmen zur Sicherung der
Wettbewerbsfähigkeit (M&A, Konzentration auf Kerngeschäfte,
Ausgründungen) rückt die Optimierung von Anlage- und Umlaufvermögen
sowie gebundenem Kapital wieder in den Fokus: ein suboptimales NWC
lässt auf Defizite im Bestands- und Cashmanagement schließen. Die
wahren Hebel jedoch liegen weitaus tiefer in den operativen Bereichen.
Das untersuchte Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 250 Mio. Euro
ist Teil eines weltweit agierenden Konzern und hat sich auf die
Spezialchemie konzentriert. Wesentliches Differenzierungsmerkmal
gegenüber dem Wettbewerb ist insbesondere die hohe Produktvielfalt, die
zur Bedienung der kundenindividuellen Anforderungen notwendig ist.
Ferner zeichnet sich das Unternehmen durch einen komplexen und durch
hohe Interdependenzen geprägten Produktionsverbund aus. Ziel des
Projektes war die nachhaltige Reduzierung des NWC, das bei 100 Mio.
Euro lag und maßgeblich durch den sukzessiven Bestandsaufbau in Höhe
von 80 Mio. Euro zurückzuführen war. Nach einer umfassenden
Unternehmensanalyse wurde offensichtlich, dass das Bestandsmanagement
deutliche Defizite aufwies: ein inkonsistenter Planungsprozess, der die
marktseitigen Anforderungen in das Produktionsprogramm übertragen
sollte, führte zu einem Bestandsaufbau von Fertigwaren, denen keine
direkte Nachfrage gegenüber stand. Ein erheblicher Vorrat an "Slow
Moving Goods" war die Folge. Unterstützt wurde diese Entwicklung durch
die Tatsache, dass die Produktion im Sinne einer Bereichsoptimierung
auf die Anlagenauslastung fokussiert war. Im Zuge der Analysen
zeigte sich unter anderem, dass das Fehlen einer Kunden- und
Produktsegmentierung die auf spezifische
Lieferperformance-Anforderungen der Abnehmer ausgerichtete Bevorratung
unmöglich machte. Darüber hinaus konnte auch ein unzureichendes, durch
Datenintransparenz und - inkonsistenz geprägtes Bestandscontrolling und
-monitoring konstatiert werden. Fehlende eindeutige
Verantwortlichkeiten und mangelnde Kenntnisse der involvierten
Mitarbeiter bezüglich anzuwendender Konzepte und Methoden der
Bestandsoptimierung trugen ebenfalls zum Aufbau der Bestände bei. Im
Bereich des Cashmanagement konnten auf Basis eines branchenspezifischen
Benchmarking ebenfalls ein Verbesserungspotenzial insbesondere im
Forderungsmanagent aufgedeckt werden. Das TCW entwickelte ein
Gesamtkonzept zur Reduzierung der Bestände, das sich aus mehreren
teilweise parallel abzuwickelnden Teilprojekten zusammensetzte und auf
die unternehmens- und marktspezifischen Gegebenheiten ausgerichtet war.
Als wesentliche Konzeptbestandteile zur Optimierung der Bestandstreiber
wurden die Kunden- bzw. Produktsegmentierung, die Optimierung von
Planung und Forecasting, die Definition von produktspezifischen
Maximal- und Minimalgrenzen und eine Flexibilisierung der
Produktionsanlagen definiert. Zur Sicherstellung der Nachhaltigkeit der
identifizierten Handlungsfelder wurde ein umfassendes
Bestandscontrolling und -monitoring sowie ein Schulungskonzept für die
relevanten Mitarbeiter konzipiert. Durch das Konzept konnte eine
nachhaltige Senkung von Beständen und NWC von über 50 Prozent
realisiert werden. Trotzdem wurde die Lieferperformance von ca. 70% auf
über 95% gesteigert, so dass sich das betrachtete Unternehmen einen
erheblichen Differenzierungsvorteil im Markt realisieren konnte, den
die Wettbewerber kurz- und mittelfristig nicht imitieren können. Weiterführende Literatur:
Seminarhinweis: nach oben
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